Das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen
1. In der k.u.k. Monarchie und in der Tschechoslowakei
Bereits im 19. Jahrhundert, besonders ab etwa 1850, verschärften sich die nationalen Gegensätze deutlich. Unter der Flagge des Panslawismus wurde von der k.u.k.-Monarchie immer stürmischer staatliche Selbständigkeit gefordert. Wenn es auch in Mähren in letzter Minute gelang, die Gegensätze der beiden Volksstämme weitgehend zu glätten (siehe Kapitel Die Städtische Selbstverwaltung: Der Mährische Ausgleich), so standen doch über der Einigung die Worte Zu spät.
Hilf schreibt treffend: Die nationale Ideologie der Tschechen glaubte sich auf dem Wege der Rückeroberung verlorenen Volksbodens, und die Deutschen waren Opfer der Psychose geworden, daß sie mit dem Rücken an der Wand gegen den slawischen Druck kämpfen müßten.
Kaiserin
Elisabeth von Österreich (Statue am Wiener Westbahnhof)
Leider setzten sich diese Auseinandersetzungen auch in der 1918 neugegründeten Tschechoslowakei fort, wenn auch jetzt mit umgekehrtem Vorzeichen, was zwei Gründe hatte: Zum einen wird übersehen, daß die Deutschen, besonders die in den rein oder überwiegend deutschen Randgebieten, die Aufnahme in diesen Staat ablehnten, sich als Teil Deutsch-Österreichs betrachteten und eine Zugehörigkeit zum deutschen Sprachraum und Staatsgebiet beanspruchten. Volkskundgebungen in dieser Richtung wurden vom tschechischen Militär mit Waffengewalt und vielen Toten beendet.
Zum anderen setzte, trotz vorhandener Minderheitengesetze, eine gezielte Slawisierungspolitik in diesen deutschen Gebieten ein. Post, Bahn, Polizei, Schule das waren die Bereiche, in denen man ansetzte. Auch für wenige Kinder von wenigen tschechischen Familien (oftmals vom Staat in deutsche Gebiete umgesetzte Beamte) wurden neue Schulgebäude errichtet, während für die Instandhaltung deutscher Schulen keine Mittel vorhanden waren.
Deutsches Gewerbe und deutsche Industrie wurden bei staatlichen Aufträgen ausgespart und so dem wirtschaftlichen Ruin entgegengetrieben.
Eine knappe Analyse stammt von Emanuel Rádl, einem Professor der Prager Karls-Universität, der 1928 schrieb: Die Anerkennung des neuen Staates wurde den Deutschen nicht leichtgemacht. Die herrschende Theorie lehrt, daß der Sinn des Tschechentums im Kampf gegen das Deutschtum liegt, und tatsächlich ist die Politik unserer Republik nach dem Weltkrieg zum großen Teil ein Krieg des Staates gegen die inländische deutsche Bevölkerung. Wie konnten die Deutschen unter diesen Umständen den Staat anerkennen?
Trotz all dieser Schwierigkeiten entwickelte sich in Brünn ein halbwegs leidliches Zusammenleben, vor allem aber ein reges kulturelles Leben, das sich zeitweise sogar in Symbiose mit dem tschechischen Kulturleben manifestierte. Insgesamt aber wurde keine Brücke zwischen der tschechischen und deutschen Intelligenz gebaut, beide Welten blieben einander fremd, auch wenn beide Demokratie und Humanität bekräftigten.
Ein schwerer Schlag für das deutsche Kulturleben war die Wegnahme des Deutschen Theaters bzw. das dann auf zwei Tage der Woche eingeschränkte Benutzungsrecht.
Villa Tugendhat: ein wegweisender Bau der modernen Architektur von Ludwig Mies van der Rohe, 1929/1930
Später begann sich leider in beiden Volksstämmen Antisemitismus auszubreiten, wobei die großen kulturellen Beiträge der jüdischen Mitbürger ebenso negiert wurden wie ihr Mäzenatentum.
1938 kam es zum Münchner Abkommen. Es war zustandegekommen, weil der Ruf der Sudetendeutschen nach Besserung ihres Schicksales in dem Staat, dem sie nie angehören wollten, unüberhörbar geworden war. Frankreich, das 1918/19 für die Grenzziehung der neuen Tschechoslowakei in erster Linie Verantwortung trug, heilte diesen Fehler zusammen mit England und Italien unter Mitwirkung Deutschlands, das sich in besonderer Weise für diese Auslandsdeutschen verantwortlich fühlte. Im Vollzuge dieses Abkommens besetzte die deutsche Wehrmacht das Sudetenland.
Versuchen wir nun eine abschließende Wertung, dann können wir an den Anfang unserer Betrachtung zurückkehren: Das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen war von Höhen und Tiefen gekennzeichnet; aber immer verlief es zumindest bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1939 in gemäßigterer Form als in Böhmen oder im restlichen Staatsgebiet. Das mag an der prägenden Eigenart dieser Stadt liegen, in der über viele, viele Jahre das Leben und leben lassen von den Bürgern praktiziert wurde bis ein übersteigerter Nationalismus beider Seiten dem ein Ende bereitete.